Kunst und Kultur

Maria Eilers

Dozentin für Literatur

Maria Eilers ▪ Bild: Felix Eilers

„Umgeben von rauschenden Bäumen, zahlreichen Geschwistern und dem geheimnisvollen Duft alter Bücher, verbrachte ich meine Kindheit im Umland von Hannover. Im ersten Beruf bin ich Erzieherin und Mutter. Nach dem Germanistikstudium an der Leibniz Universität Hannover spezialisierte ich mich als freie Autorin, fasziniert von dem Menschen und dem Zusammenspiel zwischen Emotion, Sprache und Erinnerung, auf das Konzipieren und Schreiben von autobiographischen und biographischen Texten – für Privat und zur Veröffentlichung.

Als Zuhörerin ist es mir wichtig, einen offenen, warmen Raum zum Erzählen zu schaffen. Im (auto-)biographischen Schreiben ist es mein erklärtes Ziel, den Menschen in seiner Sprachmelodie, in seinem Witz und seinem Wesen, seiner Würde und seiner Nachdenklichkeit, gut lesbar und authentisch abzubilden.

Mein Lebensmittelpunkt ist Hannover, aber ich arbeite im ganzen deutschsprachigen Raum. Künstlerisch arbeite ich mit sogenannten Kürzesttexten und lyrischen Texten, gern in Zusammenarbeit mit Künstlern anderer Genres, im In- und Ausland. Die lyrischen Textsammlungen „fremdnahfremd“ und „Sternenstunde“ sind 2006 und 2007 erschienen und inzwischen vergriffen.“

(Maria Eilers)

Textprobe

Und eines Tages laufe ich den Marathon!
Esther* erzählt.

Mit einem warmherzigen Lächeln begrüßt sie mich, während sich zwei Mitbewohnerinnen lautstark streiten. Ester beobachtet mit ruhigem, wachem Blick, bietet Hilfe an. Wenig später folge ich ihren flinken sicheren Schritten die Treppe hinauf in den Gruppenraum. […] Tagsüber ist Esther in der Schule, aber in der Freizeit „in“ Bollywood. Sie liebt Bauchtanz, aber…

„Hier wohnen Kinder und Jugendliche, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Ich habe mich hier von Anfang an gut gefühlt, aber in den ersten Wochen war ich natürlich ein bisschen unsicher. Bloß nichts Falsches sagen und keine Fehler machen! Nach und nach wurde das besser – ich spürte, dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin. […]

Neuerdings habe ich mit einer Betreuerin eine besondere Verabredung: Wenn ich sie schiebe, also die Wunde geschlossen ist und ich meine Prothese trage, setzt sie sich in meinen Rollstuhl. Wir gehen um den See. Ich gehe, sie sitzt. Neulich waren es zehn Minuten. In zwei Wochen laufe ich vielleicht schon eine Stunde? Irgendwann um den ganzen Annateich? Und eines Tages laufe ich den Marathon! […]

Was ich mir wünsche? Ein Bein! Und, dass mein Halbbruder gesund bleibt, er ist mein Ein und Alles. Ja, ich wünsche mir, ein gesundes Leben zu führen. Und für andere? In der Schule hatten wir heute das Thema Nationalsozialismus. So etwas darf nie wieder vorkommen. Ich wünsche mir, dass es keine Kriege mehr gibt – und Juden, Schwule und Lesben einfach so akzeptiert werden wie sie sind.“

*Name geändert

Textauszug aus: Maria Eilers, „Gesehen. Gehalten. Geborgen. Geschichten vom L(i)eben.“, 2014

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