Kunst und Kultur

Weidenflechten

Traditionelles Handwerk neu entdeckt

Mollen ▪ Bild: Gunda Albers
Körbe von Gunda Albers ▪ Bild: Gunda Albers

Das Flechthandwerk ist eine sehr alte Tradition, die seit Urzeiten weltweit ausgeübt wird. Je nach Region und vorherrschender Technik kommen dabei unterschiedliche Naturmaterialien zum Einsatz wie zum Beispiel Gräser, Birkenrinde, Binsen, Rattan, Peddigrohr oder die Ruten verschiedener Hölzer.

Im europäischen Raum werden die Weidenruten vielseitig verwenden. So finden wir sie in der Herstellung von Möbeln, Körben, Zäunen, Fischräusen und Entenkörben (Unterschlupf- und Brutmöglichkeit). Auch im Fachwerkbau wurde in den Gefachen Weidengeflecht eingesetzt. Mit Beginn des Wirtschaftswunders in den 50er Jahren wurde der Naturwerkstoff allerdings stark zurückgedrängt und durch neue Materialien wie Metall, Kunststoff und Sperrholz ersetzt, welche maschinell und dadurch kostengünstiger verarbeitet werden können. Mittlerweile ist der Beruf des Korb- und Flechtwerkgestalters vom Aussterben bedroht.

Allerdings ist auch ein neuer Trend zu beobachten: Die Menschen wenden sich wieder der Natur zu und legen Wert auf Naturprodukte. Als schnell nachwachsender Rohstoff ist die Weide klimaschonend. Ist das Produkt irgendwann nicht mehr nutzbar, so kann es bedenkenlos der Natur zurückgegeben werden, sei es zur vorübergehenden Dekoration im Garten oder direkt zur Kompostierung. Vorausgesetzt, es wurde nicht mit Lacken oder Holzschutzmitteln behandelt.

Das Schaffen eines Werkstückes mit den eigenen Händen aus Materialien, die die Natur uns schenkt, kann eine sehr befriedigende und sinnliche Erfahrung sein: Den Geruch der Weide wahrnehmen, mit den Händen spüren, wie sich das Material beim Flechten verhält, der eigenen Fantasie und Kreativität Raum geben und sehen, wie sich nach und nach beim eigenen Tun eine Form, ein Objekt entwickelt.

Die Weidenruten zum Flechten

Dotterweide Salix Alba Vitellina ▪ Bild: Gunda Albers
Ernte: Weiden und Hartriegel ▪ Bild: Gunda Albers
Weidenblüte ▪ Bild: Gunda Albers

Woher kommen die Weiden?

Angebaut werden die Weiden auf speziellen Plantagen beispielsweise in Spanien, Frankreich und Polen. Im Fachhandel sind je nach Angebot verschiedene Sorten erhältlich. Da die Sorten im trockenen Zustand unterschiedliche Tönung von Braun bis Grün besitzen, bietet sich die Möglichkeit, Farbakzente zu setzen.

Kann man Weiden auch selbst ernten?

Weiden stehen aufgrund des Bienenschutzes unter Naturschutz. Sie zählen zu den ersten Pollen- und Nektarlieferanten. Daher ist es nicht erlaubt, auf eigene Faust auf öffentlichen Flächen die Weiden abzuernten. Allerdings werden sie in der Regel meist in einem Turnus von drei Jahren von den Gemeinden geschnitten. Wer also Interesse an den Weidenruten hat, sollte sich mit der jeweiligen Gemeinde absprechen.

Welche Sorten sind geeignet?

Die Bestimmung der Sorten in der Natur ist oft schwierig ist. Für die Suche nach Flechtweiden gilt folgender Grundsatz: schmalblättrige Sorten sind eher geeignet als rundblättrige. Aber, wie so oft: Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch bei den schmalblättrigen gibt es hin und wieder spröde Sorten, die leicht brechen.

Wie wird das Material vorbereitet?

Je nach geplantem Objekt werden unterschiedlich lange und dicke Ruten benötigt, die im Vorfeld etwa zwei Wochen lang im Wasserbad einweichen müssen.

Das Werkzeug zum Weidenflechten

Die Hände

In vielen Beschreibungen zum Werkzeug wird eines häufig nicht erwähnt, obwohl es das wichtigste beim Korbflechten ist: Die Hände. Wir tragen sie ja ständig bei uns, können sie nicht verlegen und machen uns in der Regel auch keine Gedanken darüber. Die Hände stellen jedoch beim Flechten den Mittelpunkt der Arbeit dar. Sie müssen halten, Kraft ausüben, formen und manchmal alles gleichzeitig machen. Das bedeutet, dass sie bei dieser Arbeit gut beansprucht werden und dies am Ende eines Flechttages auch spürbar ist.

Das Werkzeug ▪ Bild: Gunda Albers

Bypass-/Korbmacherschere

Zweckmäßig ist eine gut geschärfte und regelmäßig gereinigte Rosenschere.

Pfriem (auch Ahle oder Vorstecher genannt)

Es gibt sie in verschiedene Stärken von 3 bis 10 mm Durchmesser, je nach Verwendungszweck. Sie dienen z. B. als Platzhalter oder um einen Zwischenraum zu weiten, wenn weitere Ruten ins Geflecht eingeführt werden müssen.

Korbmachermesser

Ein Schnitz- oder Schweizer Messer ist gut zum Anschalmen von Weidenruten oder Schnitzen der Verbindung des Rahmens bei der Schwinge (Molle) geeignet.

Schlageisen

Damit das Geflecht fest wird und der fertige Korb auch nach dem Trocknen einen stabilen Eindruck macht, wird es regelmäßig angeschlagen.

Maßband, Spitzzange, kräftiges Band

zum Aufbinden der Seitenstaken.

Herstellungsprozess einer Molle (Schwinge)

Die Molle

auch Kartoffelmolle oder Schwinge genannt, wurde früher vielfach beim Kartoffelschälen benutzt. Die Molle eignet sich allerdings durchaus als dekorative Schale z. B. für Obst oder Wolle.

Bau einer Molle. Schritt 1 bis 4. ▪ Bild: Gunda Albers
Bau einer Molle. Schritt 5 bis 8. ▪ Bild: Gunda Albers

Erster Schritt

Den Rahmen für die Molle bildet eine etwa 2 Meter lange Haselrute. Diese wird frisch geschnitten zu einem ovalen Ring geformt und muss anschließend mindestens zwei Monate lang trocknen.

Zweiter Schritt

Als erstes werden die offenen Enden des Ringes angeschalmt, indem jeweils in einer Länge von ca. 10 cm ein Span abgetragen wird. Auf dem so entstandenen Schalm wird eine Kerbe geschnitzt, sodass die Enden des Ringes miteinander verhaken.

Dritter Schritt

Die vorbereiteten Enden werden aufeinander gelegt und mit Bindfaden gesichert, damit sich der Ring während des Flechtens nicht öffnet.

Vierter Schritt

Die ersten beiden Staken werden eingesetzt und auf beiden Seiten jeweils in der Technik des einfachen Schichtgeflechts befestigt. An diesem Punkt der Arbeit wird die Tiefe der Molle festgelegt.

Fünfter Schritt

Nachdem auf jeder Seite die ersten Flechtfäden verarbeitet sind, werden weitere Staken eingesetzt.

Sechster Schritt

Im weiteren Verlauf wird von beiden Seiten im Wechsel das Geflecht fortgesetzt und nach Bedarf weitere Staken eingefügt damit sich eine stabile Struktur entwickelt.

Siebenter Schritt

Schließlich erreicht das Geflecht die Verbindungsstelle des Ringes. Die Hilfsfäden können entfernt werden, da die Verbindung jetzt durch die Flechtfäden gehalten wird.

Achter Schritt

Zum Schluss kann die Mitte ausgeflochten werden.

Text: Gunda Albers