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Dezember 2019: Mahmoud Nasser

Mahmoud Nasser kennt als Hausbetreuer entlegene Winkel des VHS Gebäudes.
Mahmoud Nasser in einem „entlegenen Winkel“ des VHS-Hauses in der Karlstraße. ▪ Bild: VHS Oldenburg

Veit Bohlen: Mahmoud, Du bist seit 2017 unser Kollege. Sag uns doch bitte kurz, wie Du überhaupt zu uns gelangt bist.

Mahmoud Nasser: Das geschah überraschend und ungeplant: Es war schwierig für mich Arbeit zu finden. Ich musste erst gut sprechen lernen. Eine Leiharbeitsfirma hat mich dann auf die Hausmeisterstelle bei der VHS Oldenburg aufmerksam gemacht. Ich kannte die VHS schon von meinen Deutschkursen. Dort fing ich dann erst als Aushilfe an. Nach einiger Zeit bot mir die VHS eine freie Stelle an. Darüber bin ich sehr glücklich.

V. B.: Dass Du noch gar nicht so lange in Deutschland lebst, ist den meisten Kolleginnen und Kollegen gar nicht bewusst. Wie bist Du nach Oldenburg gelangt und seit wann lebst Du hier?

M. N.: Mein Weg nach Deutschland führte mich von Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und schließlich nach Österreich. Ich war über Wochen unterwegs: zu Fuß, mit dem Bus, dem Taxi und dem Zug. Schlimm war ein Tagesfußmarsch über 30 km im strömenden Regen. Ich hatte mich mit einer Gruppe von 40 - 60 Personen nach Österreich durchgeschlagen. Dort wurde ich vom Roten Kreuz empfangen und erst in einem Heim untergebracht. Dann wurde ich nach Deutschland geschickt, erst nach München, wenig später nach Hannover. Am 25.09.2015 stieg ich dort aus dem Zug und blieb 36 Tage. Dann wurde ich ins schöne Oldenburg geschickt. Zwei Freunde von mir – mit denen ich noch immer Kontakt habe – wurden nach Nürnberg und Berlin umverteilt.

V. B.: Wie können wir uns Deine Arbeit vorstellen?

M. N.: Die Arbeit als Hausmeister ist sehr abwechslungsreich und verantwortungsvoll. Ich arbeite nicht im Hintergrund, sondern bin direkt im Veranstaltungsprozess mit eingebunden. Neben den technischen Geräten und Medien, wie Flip-Charts und Moderationswände, stelle ich auch die Unterlagen, Bücher oder Getränke bereit. Dazu gehört auch der Aufbau von Bühnen oder die Anordnung von Tischen und Stühlen für Prüfungen und Vorträge. Da regelmäßig über 1.000 Teilnehmende am Tag da sind, braucht man einen klaren Kopf, einen genauen Tagesplan und eine gute körperliche Verfassung sowie viel Kondition. Auch muss man sich mit den ganzen technischen und persönlichen Bedarfen der Dozierenden auskennen. Daher sind wir auch ein größeres Hausmeisterteam.

„Wenn ich an Europa denke, dann denke ich an die Menschen, die noch nach Europa kommen und an Freiheit gewinnen werden und nicht mehr Rassismus erleiden müssen. Dieser war für mich in Syrien viel allgegenwärtiger als hier.“ – Mahmoud Nasser.

V. B.: Du kennst die entlegensten Orte unseres Hauptgebäudes: Steile Treppen zum Hausdach, kleine Lager- und Serverräume, Schächte – bei uns bist Du im wahrsten Sinne des Wortes „zu Hause“. In Bezug auf unser aktuelles Schwerpunktthema Europa interessiert uns, ob es Orte gibt, die Du gerne einmal kennenlernen würdest?

M. N.: Ich wollte schon immer einmal nach Paris und auf den Eiffelturm. Und ich würde gerne meinen Bruder besuchen. Der ist in die USA ausgewandert, nach Seattle. Wir beide sind große Basketball-Fans und ich würde gerne mit ihm ein Spiel der Seattle Sonics besuchen.

V. B.: Bei Deiner Arbeit hast Du viel mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Ländern zu tun. Was verbindest Du mit Europa?

M. N.: Ich war zu Besuch in Belgien und den Niederlanden. Dort konnte ich ohne einen Reisepass vorzuzeigen und ohne Polizeikontrolle reinfahren. Das waren für mich bewegende Momente, ein großes Gefühl von Freiheit. Daher verbinde ich mit Europa die Freude, jederzeit meinen Traum von Paris erfüllen zu können.

V. B.: Danke für den Einblick in Deine Arbeit und Gedanken - zum Schluss beende doch bitte noch folgenden Satz: „Wenn ich an Europa denke, dann ...“

M. N.: … denke ich an die Menschen, die noch nach Europa kommen und an Freiheit gewinnen werden und nicht mehr Rassismus erleiden müssen. Dieser war für mich in Syrien viel allgegenwärtiger als hier.