Schwerpunkt

Europa: Bewegen. Erleben.

Ein ganz persönliches Grußwort von Dr. Nicole Deufel, Leiterin des Amtes für Museen, Sammlungen und Kunsthäuser der Stadt Oldenburg

Europa, das ist die EU.

Dr. Nicole Deufel ▪ Bild: Foto- und Bilderwerk

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016 saß ich mit drei weiteren Geschäftsreisenden im Auto. Unser Flug von Bristol zurück nach Edinburgh war kurzfristig abgesagt worden, es blieb uns keine andere Wahl: wir taten uns zusammen und fuhren gegen 23 Uhr gemeinsam los nach Hause. Das Gesprächsthema war klar: wie war das EU Referendum ausgegangen? Die Wahllokale hatten vor einer Stunde geschlossen, im Radio gab es eine Gesprächsrunde, in Kürze würden wir die ersten Ergebnisse hören. Monatelang war ich mir sicher gewesen, dass es eine Entscheidung für den Brexit geben würde, aber irgendwie, im Auto mit diesen Fremden, konnte keiner von uns glauben, dass sich am Ende unserer Fahrt unsere europäische Welt verändert haben würde.

Aber genau das passierte. Gefühlt wurde jede Stadt als „leave“, also für den Brexit ausgezählt. Im Auto wurde es immer stiller, es war ein Gefühl von Schock. Auf der Höhe von Carlisle sagte der Fahrer, „Jetzt muss unsere Firma sich überlegen, wie es weitergeht,“ und der Herr neben mir auf dem Rücksitz meinte, „Das war dann wohl das Ende mit den Plänen für einen Ruhestand in Spanien.“ Als wir in Edinburgh ausstiegen, stand das Ergebnis so gut wie fest.

Schottland hatte für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. In den folgenden Tagen war der Schmerz überall spürbar. Die Menschen konnten nicht glauben, dass ihnen diese europäische Zugehörigkeit und Zukunft einfach so genommen werden sollten. Auch in England und Wales waren die Kollegen aus dem Kulturbereich wie erstarrt: mit dem Brexit hatte niemand gerechnet. Alle waren sich so sicher gewesen.

Vielleicht waren sie sich zu sicher gewesen. Dabei war der Ton gegen die EU und gegen uns „EU Migranten“ in den britischen Medien und von einigen Politikern in Westminster sehr hässlich geworden. Es hatte viel zu wenige positive Stimmen gegeben. Viele meiner britischen Freunde und Kollegen wollten das aber so nicht sehen. Die meisten haben es nicht ernst genommen und sich deshalb vor dem Referendum auch gar nicht oder sehr spät engagiert. Und dann war plötzlich alles anders.

Auch zwischen uns. Etwas hatte sich verschoben. Wir hatten eine grundlegende Gemeinsamkeit verloren. Trotz aller Beteuerungen während der Kampagne, dass die Briten doch auch nach einem EU Austritt „Europäer“ bleiben würden, machte es jetzt einen Unterschied, dass sie eben keine „EU Europäer“ mehr sein würden. Plötzlich hatte ich mehr gemeinsam mit meinen EU-Mitbürgern aus Polen und Rumänien. Wir haben, zumindest per Vertrag, ein gemeinsames Schicksal, eine gemeinsame Zukunft und eine gemeinsame Vision, an der wir arbeiten. Die Briten, auch wenn sie natürlich Freunde bleiben, sehen einer anderen Zukunft entgegen.

Für mich war das Erlebnis des EU Referendums im Vereinigten Königreich ein Wachrütteln. Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, was mir diese Europäische Union und meine Zugehörigkeit dazu überhaupt bedeuten. Europa, das ist die Europäische Union. Erst durch die EU ist ein Rahmen entstanden, der aus einer abstrakten, sich hier und da überlappenden Geschichte eine greifbare gemeinsame Gegenwart und Zukunft macht. Ich habe auch schon in den USA gelebt: aber ins Vereinigte Königreich zu ziehen, das war etwas anderes, denn ich gehörte schon irgendwie dazu. Ich war immer noch in der Europäischen Union.

Das ist ein hohes Gut. Natürlich gibt es Dinge, die man an der EU ändern könnte und sicher auch ändern sollte. Aber ich will an ihr festhalten. Seit meiner Rückkehr nach Deutschland bin ich deshalb auch Mitglied von Pulse of Europe, einer zivilgesellschaftlichen und internationalen Initiative für die EU. Wenn wir die EU wollen, müssen wir uns für sie einsetzen. Machen Sie mit?

Herzlichst,
Ihre Dr. Nicole Deufel
Leiterin des Amtes für Museen, Sammlungen und Kunsthäuser der Stadt Oldenburg