Schwerpunkt

Europa: Bewegen. Erleben.

Ein ganz persönliches Grußwort von Prof. Dr. Gunilla Budde, Professorin für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Hut der Queen oder Europa heißt Haltung

Prof. Dr. Gunilla Budde ▪ Bild: privat

Krone richten, weitermachen! Das ist nicht nur ein Motto, das T-Shirts und Teebecher ziert und schmunzeln lässt, sondern auch Haltung erzeugt. Wirkliche Königinnen machen es vor. Am 21. Juni 2017 verzichtete Elizabeth II. auf ihre Krone und nahm einen Hut. Anlässlich der traditionellen „Queens Speech“ erschien sie ganz in himmelblau. Der passende Hut war überdies mit gelben Blütentupfern versehen. Die Europa-Flagge ließ grüßen. Zufall? Wohl kaum! Diese Monarchin, seit 67 Jahren auf dem Thron, überlässt nichts dem Zufall. Qua Amt zur politischen Neutralität verpflichtet, geriet die eigenwillige Hutwahl zu einem subtilen Akt der Rebellion gegen den ein Jahr zuvor per Referendum beschlossenen Brexit. Denn sehr wohl weiß die weise Queen, Jahrgang 1926, um den unschätzbaren Wert eines friedlich geeinten Europas. Acht Jahre nach dem Ersten Weltkrieg geboren und als junge Frau hautnah den Zweiten Weltkrieg durchlebt, ist sie beseelt von dem Willen, dass Europäerinnen und Europäer der Zukunft sich nie wieder bekämpfen dürfen, sondern durch Verständigung sich gegenseitig stärken und beflügeln müssen.

Als Historikerin, etwas jünger als die englische Queen, wuchs ich hinein in meine „Zunft“ zu einer Zeit, als sie mehr und mehr erkannte, dass es ratsam und die Forschung bereichernd ist, über den Tellerrand der Nationalgeschichte zu schauen. Grenzüberschreitend die eigene Geschichte im Kontext von Europa und darüber hinaus vergleichend zu betrachten und Verflechtungen zu erkennen, wurde zu einem Ansatz in der Historiographie, der heute zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das heißt nicht, dass wir uns und unseren Studierenden nicht auch die nahe, regionale Geschichte vergegenwärtigen wollen. Es bedeutet vielmehr, historische Entwicklungen immer auch als Teil einer europäischen und globalen Geschichte wahrzunehmen. Das erhöht das Bewusstsein für facettenreiche Möglichkeiten historischer Entwicklungen und vor allem auch das Verständnis füreinander.

Vor 30 Jahren rückte der Weg zur Verwirklichung der Idee eines „gemeinsamen europäischen Hauses“, wie Michael Gorbatschow es nannte, vordem unvorstellbar, sehr nah. Der Fall der Mauer beendete symbolisch nicht nur die Teilung Deutschlands, sondern auch die Teilung Europas und der Welt. Ich selbst hatte den Spätsommer, kurz nach meinem Umzug nach Berlin, in Cambridge verbracht, auf der Suche nach Quellen für meine Dissertation über deutsche und englische Bürgerfamilien im 19. Jahrhundert. So gepackt von meinen Archivfunden und bezaubert von der idyllischen Universitätsstadt ich auch war, so unruhiger wurde ich beim allabendlichen Nachrichtenschauen. Die Bilder von der Massenflucht über die ungarische und österreichische Grenze machte es offensichtlich: Da ist etwas im Gange, das die Welt verändern wird. Vorzeitig packte ich meine Koffer und rechtzeitig war ich dann nachts am 9. November 1989 an und auf der Mauer

Das Glücksgefühl, das mich bis heute bei diesen Bildern überkommt, ist jungen Studierenden kaum zu vermitteln. Dass sich damals eine ungeheure Chance des europäischen Zusammenwachsens ergab, aber sehr wohl. Studierende, die sich an der Carl von Ossietzky Universität für ein Fachmaster-Studium entscheiden, kommen an Europa nicht vorbei. Für den Abschluss des „Master für europäische Geschichte“ gehört mindestens ein Semester im europäischen Ausland dazu. Zumindest auf den ersten Blick gefällt das nicht allen. Zu sehr mögen sie Oldenburg und um zu, zu sehr scheuen manche den Abschied vom Vertrauten. Doch dann kommen sie zurück aus Polen, Schweden, Griechenland, Dänemark, Großbritannien oder den Niederlanden, voller Begeisterung über das Erlebte. Sie haben neue Themen, Universitätskulturen, eine andere Sprache und vor allem Menschen kennengelernt. Und sie bringen häufig ein Thema für ihre Master-Arbeit mit, zu dem sie ihr Gastspiel in Florenz, Aarhus, Brest, Sheffield, Bergen, Groningen oder Breslau mit inspiriert hat. Sie haben gelernt, dass, wie es der Oldenburger Philosoph Karl Jaspers formuliert hat, „Denken keine Grenzen kennt“. In der Kommunikation sah Jaspers den Königsweg des Miteinanders. Kommunizieren kann man auch durch Haltung – und durch einen Hut.

Herzlichst,
Ihre Gunilla Budde
Prof. Dr. Gunilla Budde ist Profressorin für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg