Schwerpunkt

Heimat: Bleiben. Suchen. Finden.

Ein ganz persönliches Grußwort von Professor Reto Weiler, Leiter des Forschungsinstitut Neurosensorik der Carl-von-Ossietzky Universität

Wahlheimat

Professor Reto Weiler

Der Begriff „Heimat“ hat wieder Konjunktur in Deutschland. Aufgeschreckt durch die Erfolge einer Partei, die angetreten ist, Volk und Land wieder zurückzuholen, erinnern sich alle politischen Kräfte an diesen Begriff und schon gibt es Pläne, ein Bundes­heimat­ministerium einzurichten. Heimat würde damit in diesem Lande zu etwas, was man bürokratisch verwalten kann, genau wie den Straßenbau oder die Finanzen oder sogar verordnen kann, mit Androhung von Bußgeld bei Verstößen. Davon kann man nur abraten, nicht nur mit Blick auf die Geschichte dieses Landes, sondern auch mit Blick auf das, was für die Deutschen laut jüngsten Umfragen Heimat ausmacht: Alle Befragten geben an, dass sie Heimat mit kulturellen Aspekten wie Sprache und Traditionen verbinden, sowie mit Menschen, die sie lieben. Das lässt sich schlecht verwalten und schon gar nicht verordnen.

Dennoch ist es natürlich kein Zufall, wenn die Diskussion um Heimat in einer Zeit aufflammt, die geschüttelt wird von den Folgen einer Globalisierung und den mit diesen einhergehenden Verwerfungen und Veränderungen. Sehnsucht nach Heimat, um sich in einer Welt der sich auflösenden Grenzen an einen Ort zurückziehen zu können – ist es das, was wir vermissen und wieder finden wollen? Der durchaus heimatverbundene Schweizer Dichter Gottfried Keller hat schon im 19. Jahrhundert – einem Jahrhundert mit vergleichbaren Umwälzungen – darauf eine passende Antwort gegeben: „Wer unter Heimatliebe nur die Zuhause­hockerei versteht, wird der Heimat nie froh werden, und sie wird ihm leicht nur zu einem Sauerkrautfaß“. Wunderbar gesagt: Heimat nicht als ein Ort des Zurückziehens, des sich Abgrenzens vom Rest der Welt, sondern als Ausgangspunkt einer Offenheit und Neugierde gegenüber dieser. Heimat, die einen stark macht für die Erkundung des Fremden, des Andern. Wie aber oder warum kann uns Heimat stärken? Gängig ist die Annahme, dass Heimat in der Kindheit erworben wird durch prägende Sinnes­eindrücke. Manche erinnern sich an den Duft von Apfelkuchen, andere erinnern sich an den Anblick einer Bergkette und andere wiederum erinnern sich an das Geläut der Kirchglocken. Aus diesen Sinnes­eindrücken bauen wir uns eine Welt auf, in die wir hineinwachsen und die uns die Rahmen­bedingungen für unsere eigene Entwicklung vorgibt und deshalb eine so starke prägende Wirkung hat. Erst später lernen wir, dass wir diese Welt verändern oder gar verlassen können. Wenn wir das tun, bleibt dennoch die Erinnerung an diese erste Welt, die wir fortan Heimat nennen. Darum sagt man gerne, dass Heimat erst in der Fremde entsteht und diese uns erst lehrt, was wir an ihr besitzen. Ja, dass wir erst wieder glücklich sein können, wenn wir in sie zurückgefunden haben.

Gibt es also für jeden von uns nur eine Heimat durch die Geburt? Fast scheint es so. Und müssten dann nicht in einer mobilisierten Welt, wo wenige nur noch im Ort ihrer Kindheit leben, am Ende alle unglücklich sein? Nein, denn das oben Gesagte macht auch deutlich, dass Heimat im Kopf entsteht. Auch neue Orte haben Düfte, Bilder und Laute, und wenn wir diesen gegenüber offen sind durch Verbundenheit, Anteilnahme und Mitwirkung, bauen wir eine Welt auf, die sich in ihren Attributen nicht mehr von unserer Welt der Kindheit unterscheidet und uns so zur zweiten Heimat, zur Wahlheimat werden kann.

Ich selbst habe das erlebt. Als Wissenschaftler wechselt man ja häufig seinen Standort und ist dafür Teil einer globalen Gemeinde. Da ist es gut, wenn man wie eine Pflanze in einer Baumschule seinen eigenen heimatlichen Wurzelballen bei sich hat, der das Umtopfen erleichtert. Wenn so ein Ballen dann aber länger in fremder Erde steckt, treiben doch Wurzeln aus und die fremde Erde wird irgendwann zur Heimaterde. Damit wächst auch der Wunsch, sich in die Umgebung einzubringen und eine Heimatutopie zu verwirklichen, die man im Wurzelballen immer mit sich getragen hat. Und dann stellt man irgendwann fest, dass man nicht nur ein Leben am neuen Ort verbracht hat, sondern in diesem auch verwurzelt ist. Man muss also nicht Zuhausehocken, wie es Gottfried Keller genannt hat, sondern kann im übertragenen Sinne nach den Sternen greifen, ohne damit die irdische Heimat zu verlieren. Es gibt also neben der Heimat eine Wahlheimat, und verwurzelt zu sein bedeutet in diesem Fall nichts anderes, als seinen Standort freiwillig zu wählen. Dafür braucht es kein Bundes­heimat­ministerium, sondern offene Gesellschaften, die sich ihrer Vergangenheit bewusst und auf ihre Zukunft neugierig sind.

Ihr
Prof. Reto Weiler
Rektor Hanse-Wissenschaftskolleg