Schwerpunkt

Bildung. Zusammenhalt. Solidarität.

Ein ganz persönliches Grußwort von Silke Müller, Oberschuldirektorin der Waldschule Hatten

Silke Müller ▪ Bild: Klaus Sekuly, Rainbow Pictures

– Die Schlüssel für den Fortbestand unserer demokratischen, friedvollen Gesellschaft –

„In der Krise zeigt sich der Charakter“. Nichts umschreibt wohl unsere Gesellschaft in diesen Zeiten besser als dieses Zitat des Altkanzlers Helmut Schmidt. Seit März 2020 erleben wir, wie sich das Leben sprichwörtlich von einer Minute auf die andere ändern kann. Es scheint, als hätte die Welt aufgehört, sich weiterzudrehen. Bilder menschenleerer Straßen und öffentlicher Plätze haben sich in unseren Köpfen festgebrannt. Aber ebenso erscheinen auch die Bilder von plötzlich wieder strahlendblauen Lagunen in Venedig, sauberen Straßen in Großstädten und einer eindrucksvollen Ruhe in unserer Erinnerung aus dem vergangenen Frühjahr. Hat die Erde versucht, ein Zeichen zu geben? Ein Zeichen gegen zunehmende und immer schneller werdende, technologische Globalisierung? Hat sie begonnen sich zu wehren gegen ein immer Höher, Schneller, Weiter?

Nach dem harten Lockdown zeigte sich gleichsam, wie groß der Drang unserer Gesellschaft nach alter Normalität war. Wir erlebten einen Sommer mit stagnierenden Infektionszahlen, einer vermeintlich wiedergewonnenen Freiheit. Unser Land bezeichnete sich selbst als vorbildhaft für den Umgang mit der Pandemie und der guten Mitarbeit aller Bürgerinnen und Bürger. Ein Aufatmen war zu spüren. Bis zum Herbst. Die Zahlen stiegen. Neue Maßnahmen wurden notwendig. Und plötzlich zeigten Teile unserer Gesellschaft ein anderes Gesicht in der Krise. Den eben anderen Charakter.

Fake News, gefälschte Nachrichten zur Pandemie und Verschwörungstheorien verbreiteten sich in einer erschreckenden Geschwindigkeit im Netz und vor allem in den sozialen Netzwerken. Immer mehr Menschen scheinen ihren persönlichen Halt in eben jener Strömung zu finden, die uns alle beängstigen sollte. Aber wie begegnet man lauten Stimmen, die keine sachlichen und fachlichen Argumente gelten lassen? Wie erreicht man Menschen, die nicht erreicht werden wollen? Die Antwort liegt eigentlich in der Geschichte der Menschheit: Bildung! Bildung als Schlüssel zu Wissen, Bildung als Basis für Reflexion. Bildung als Grundfestung unserer tradierten Werte und Normen. Bildung als notwendiger Motor für den so wichtigen Selbstzweifel: „Liege ich richtig? Muss ich meine Meinung anpassen oder gar revidieren? Habe ich mich ausreichend mit einem Thema beschäftigt? Erkenne ich andere Meinungen an?“

Mehr denn je ist aber auch eine Bildung im Sinne von Medienkompetenz und Medienethik notwendig. Das Internet ist einerseits ein Zugang zu unbeschränktem Wissen, zu weltweiter Vernetzung und für uneingeschränkte Kommunikation. Gleichzeitig aber frisst das Netz förmlich die Seele unserer friedvollen, demokratischen Gesellschaft auf, wenn wir der Anonymisierung, Verrohung, Intoleranz, Hatespeech und einer zunehmenden Radikalisierung im Netz nicht entschlossen begegnen. Die große Herausforderung aller Erziehungs- und Bildungsarbeit in den wunderbaren Bildungseinrichtungen unseres Landes -wie den Schulen und Volkshochschulen- ist die Fokussierung auf diese Entwicklung des Netzes. Wir müssen uns gemeinsam gegen diese Gefährdung unserer Werte und Normen stellen. Durch Gesprächs- und Bildungsangebote, durch ein stets offenes Ohr für den anderen, durch Solidarität und Zusammenhalt. Zeigen wir in der Krise und vor allem auch nach der Krise gemeinsam Charakter. Bessere Zeiten werden kommen, lassen Sie uns schon jetzt beginnen, sie auch besser zu gestalten.

Herzlichst

Ihre
Silke Müller
Oberschuldirektorin der Waldschule Hatten