Schwerpunkt

Heimat: Bleiben. Suchen. Finden.

Ein ganz persönliches Grußwort von Torsten Neumann, Festivalleiter Internationales Filmfest Oldenburg

Heimat

Torsten Neumann

Als wir vor fünf Jahren unser 20. Filmfestival in Oldenburg gefeiert haben, gaben wir ein Buch dazu heraus, das den Titel „People and Places“ – Menschen und Orte – trägt. Wir haben in diesem Buch auf die ein oder andere Art und Weise Annäherungen an einen Begriff unternommen, der in keiner einzigen Zeile der immerhin 190 Seiten in seiner verdichteten und ebenso klaren, wie nie wirklich definierbaren Essenz auftauchte. Der Begriff, dem wir uns annäherten ohne ihn je mit Buchstaben zu Papier zu bringen, ist nichts anderes als „Heimat“.

Menschen und Orte – Oldenburg und die internationalen Gäste des Festivals – dazu die Dimension der Zeit, der Blick zurück auf zwanzig Jahre. Das alles in Berührung mit den kulturellen und sozialen Aspekten unseres Filmfestivals, die all das verbinden, das wird andernorts auch unter dem Begriff „Heimat“ definiert.

Man muss das Wort „Heimat“ gar nicht hassen oder lieben, angreifen oder verteidigen, in Frage stellen, die negative Konnotation aufführen oder davor warnen, „Heimat“ existiert auch ohne es auszusprechen oder aufzuschreiben. Es ist ein Gefühl, das sich aus unserer Sozialisierung heraus in unser Unterbewusstsein einschleicht, es schafft Identifikation und Empathie und es ist gut, solange es niemand außer uns selber definiert.

Wir haben das Filmfest immer im Kontext mit seiner „Heimatstadt“ Oldenburg definiert, wir haben den Oldenburgern Filme und Gäste aus aller Welt nahegebracht und gleichermaßen das Festival und seine Gäste nah an die Stadt und seine Einwohner herangeführt. Wir haben Werbetrailer gedreht, die sich immer auch ironisch mit unserer manchmal etwas provinziellen Heimat auseinandergesetzt haben und damit unter vielen Oldenburgern so etwas wie Identifikation hergestellt. Wir haben aber auch andersherum internationale Gäste dazu gebracht, immer wieder hierher zurück zu kehren, neue Filme mitzubringen, neue Kontakte zu knüpfen. 2010 hat uns ein Brief aus Kunduz erreicht – wo die ansonsten in Oldenburg stationierte 31. Luftlandebrigade ihren Dienst in Afghanistan verrichtete. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde mit der Freude und Neugier auf das kommende Festival in Oldenburg kompensiert, im Gemeinschaftsraum der Truppenpsychologie hing ein Poster des Filmfest Trailers als Erinnerung an Oldenburg. Daraus sind Freundschaften entstanden und viele Briefe und Pakete mit Filmfest-Devotionalien sind danach zwischen Oldenburg und Afghanistan auf den Weg gebracht worden. Wir haben Identifikation gestiftet und Empathie hervorgerufen.

Als Stanley Kubrick Anthony Burgess‘ dystopischen Roman „A Clockwork Orange“ für die Leinwand adaptierte, hat er sein Publikum zutiefst polarisiert, indem er ein höchst riskantes, aber ebenso wichtiges Gleichnis zum Verständnis von Moral zur Disposition stellte. Die extreme Gewalt der Hauptfiguren, ihr fast unerträglicher Mangel an Empathie führt im Film zu einer staatlichen Gewalt, die die seiner Bürger bei weitem in den Schatten stellt. Darum liegt die paradoxe Wahrheit des Films in der Feststellung, dass es so lange keine Moral gibt, wie sich der Mensch nicht bewusst gegen sie entscheiden kann, selbst wenn die Konsequenz daraus der vom freien Willen bejubelte Untergang der Zivilisation ist.

Ich denke, mit dem Begriff „Heimat“ darf man keinesfalls anders verfahren. Der einzelne muss ihn definieren dürfen – dann kann sich auch, wie beim Filmfest Oldenburg, eine so vielfältige, weltoffene, unangepasste und gar nicht provinzielle Haltung mit dem Begriff „Heimat“ in Einklang bringen lassen. Und wie Jean Amery in seinem Essay „Wie viel Heimat braucht der Mensch“ sagte: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“.

Vor zwanzig Jahren, als wir den Abschlussabend des fünften Filmfestivals beendeten, ein Festival, das sich urplötzlich zu einem großen, überregional wahrgenommenen Event mit einigen Stargästen und viel Medienrummel gemausert hatte, hat mir einer unserer internationalen Gäste gratuliert und mir ein Versprechen abgenommen. Ich soll mich immer an diese Geschichte erinnern, die sie mir an jenem Sonntag erzählte, dann würde dieses Festival einen guten Weg einschlagen. Es war die Geschichte von dem Drachen, der, wenn er fliegt, einen Stein im Maul trägt, damit er sich erinnert, wo er herkommt.

Ich habe diese Geschichte immer bei mir getragen, und es ist aber schön, dass ich sie jetzt in meinem Grußwort für den thematischen Leitfaden der VHS für dieses Jahr mal teilen kann.

Ihr
Torsten Neumann
Festivalleiter Internationales Filmfest Oldenburg