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1. September 2021 bis 31. Januar 2022

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Initiative kulturelle Integration lobten 2020 einen Fotowettbewerb aus. Diese Online-Ausstellung zeigt die zehn Gewinnerfotos.

Die Fotos sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur im Rahmen der Berichterstattung des Fotowettbewerbs "Zusammenhalt in Vielfalt - Jüdischer Alltag in Deutschland" und unter Angabe der Urheberin/des Urhebers verwendet werden.

1. Platz „Ein Schutzmann für Kafka“ – Detlef Seydel

Entstanden ist das Foto im Oktober des Jahres 2020 vor der »Literaturhandlung«, der großen jüdischen Buchhandlung in der Joachimsthaler Straße. An dieser Buchhandlung, die ich allerdings selten aufsuche, radele ich oft vorbei und sehe Tag und Nacht, dass mindestens ein Polizist davorsteht. Als ich vom Wettbewerb erfuhr, bat ich den auf dem Foto abgebildeten »Schutzmann«, ihn in seinem Dienst dort fotografieren zu dürfen, nachdem ich ihm zuvor den Anlass genau erläutert hatte. Außerdem war der Händler drinnen von mir informiert worden. Das Foto drückt für mich die traurige, offensichtliche Notwendigkeit aus, in der heutigen Zeit jüdische Einrichtungen (Synagogen, Leo-Baeck-Haus, ja selbst Literaturhandlungen) durch die Polizei schützen zu müssen. Detlef Seydel Jahrgang 1945 lebt in Berlin

Detlef Seydel, Jahrgang 1945, lebt in Berlin

2. Platz „Auf dem Weg zur Schule“ – Evgenia Lisowski

An einem Sonntag im Herbst haben wir uns vorgenommen, unseren Alltag nachzuverfolgen und Fotos für den Wettbewerb zu machen. Dieses Foto wurde an einer Straßenbahnhaltestelle in Augsburg aufgenommen. Für uns ist es wichtig, unser jüdisches Leben im Alltag in Deutschland zu zeigen. Unsere Kinder besuchen staatliche Schulen und Kitas, dabei verlieren sie ihre Identität nicht. Die Jungs tragen Kippa und Tzitit ganz offen, was wir auf dem Bild auch zeigen wollten. Dieses Foto war aber eine Inszenierung, damit keine fremden Leute im Set zu sehen sind. Wir wollten den Unterschied zwischen Integration und Assimilation zeigen. Heutzutage ist es Gott sei Dank für unsere Kinder möglich, eine deutsche Schule zu besuchen und dabei ihre Traditionen zu behalten. Das Foto soll auch anderen Juden in Deutschland als Unterstützung dienen. Sie müssen sich nicht verstecken, um in der deutschen Gesellschaft aufgenommen zu werden. Um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, ist es nicht nötig, die jüdische Tradition zu verlassen und die Kette der Generationen zu brechen.

Evgenia Lisowski, Jahrgang 1985, lebt in Augsburg

3. Platz „Evgeniya And Other Kosher Berliners“ – Sonia Alcaina Gallardo und Evgeniya Kartashova

In der russischen Sprache gibt es einen Unterschied zwischen dem Wort für religiöse und nicht-religiöse Juden. Evgeniya merkte erst ab einem gewissen Alter, dass »Jude« für viele Leute »eine Person, die zum Judaismus gehört« bedeutet. Mit diesem Foto (aus einer Serie) wollten wir den Schwerpunkt darauf legen, dass jüdische Identität sich nicht nur auf die Religion bezieht, sondern auch auf die vielen Weisen der Erinnerung und die Betrachtung der eigenen Person im Kontext des historischen, kollektiven Andenkens. Während des Heranreifens dieses Fotos kamen wir auf einen traditionellen kulturellen Marker zurück – Brot. Geschichtlich überschneidet sich die Rolle des Brots in der Folklore und anderen kulturellen Traditionen. Es ist keine Überraschung, dass traditionelles jüdisches Brot sein Pendant in der deutschen Kultur findet. Für dieses Foto benutzten wir »Sufganiyot« – ein Fritiergebäck, dass für Hanukkah zubereitet wird und vom Aussehen sehr ähnlich zu den Berliner Pfannkuchen ist. Wir nutzten diese visuelle Ähnlichkeit des Gebäcks, das zu beiden Kulturen gehören könnte, um das Bild eines »Post-Jew« zu kreieren. Dieser moderne jüdische Mensch, wie ein »moderner Prometheus«, muss sich nicht zwischen voller Assimilation und dem Verstecken seiner jüdischen Seite entscheiden: Hannah Arendts Konzept gilt nicht mehr für diesen Menschen. Der »Post-Jew« lebt an den Grenzen beider Welten, wodurch er sowohl die Erinnerung seiner Identität als auch die Bereitschaft zur Erkundung auf spielerische Weise erhält. »Evgeniya And Other Kosher Berliners« ist ein spielerischer Tribut an den »Post-Jew«, den jungen Juden in den Straßen Berlins, der sich in den Kreuzungen der Kulturen verliert und in die warmen, zuckrig schön geredeten Gewässer der unzähligen Möglichkeiten für Erkundung taucht.

Sonia Alcaina Gallardo, Jahrgang 1986, lebt in Berlin | Evgeniya Kartashova, Jahrgang 1992, lebt in Berlin

4. Platz: „Männer und Frauen beten gemeinsam in der langen Nacht der Religionen in der Fraenkelufer Synagoge in Berlin“ – Boaz Arad

Das Foto wurde in einer Sommernacht des Jahres 2019 in der Fraenkelufer Synagoge im Berliner Stadtteil Kreuzberg während der langen Nacht der Religionen aufgenommen. Als nicht praktizierender Jude, der in einem Land aufgewachsen ist, in dem Synagogen in ihren Praktiken überwiegend orthodox sind, bin ich seit Jahren fasziniert von dieser vorausschauenden und integrativen Synagoge, in welcher Menschen aller Geschlechter zusammen in ungeteilten Räumen beten können. In den vergangenen Jahren habe ich viele Feste in dieser Synagoge dokumentiert und bin immer wieder von dieser gelebten und offenen Gemeinschaft beeindruckt. Die Energie der Fraenkelufer Synagoge ist lebendig und wunderbar, aber während dieser Veranstaltung war sie noch magischer als sonst: Männer und Frauen sangen und beteten zusammen im Kerzenlicht vor dem Hintergrund des wunderschönen Thoraschreins und Dutzende Besucher dieses Abends konnten Zeuge einer modernen jüdischen Gemeinschaft sein. Diese Aufnahme symbolisiert für mich die Wiederbelebung des jüdischen Lebens in der deutschen Hauptstadt: frisch, jung, offen und voller Licht.

Boaz Arad, Jahrgang 1978, lebt in Berlin

4. Platz „Angekommen – Synagoge Rykestraße“ Ralf Bäcker

1999 zieht der Zentralrat der Juden in Deutschland in das traditionsreiche Leo-Baeck-Haus nach Berlin um. In den Jahren davor sind viele Juden aus den ehemaligen GUS Staaten als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland eingewandert. Mein Freund und Kollege Herby Sachs dokumentierte für den Westdeutschen Rundfunk die sich vergrößernde jüdische Gemeinde in Köln. In vielen Orten des vereinigten Deutschlands entsteht zaghaft wieder neues jüdisches Leben. Ausländerfeinde und Antisemiten ziehen während der sogenannten Baseballschlägerjahre durch die Bundesrepublik. Gleichzeitig beginne ich für den Zentralrat der Juden und die »Jüdische Allgemeine« das jüdische Leben in Berlin und den neuen Ländern zu fotografieren. Jüdisches Leben findet hauptsächlich hinter verschlossenen Türen und im privaten Raum statt. Der Einzug der Thora in die Synagoge Rykestraße dagegen ist ein öffentliches Bekenntnis. Im Beisein des Bundespräsidenten Roman Herzog und ca. 1.000 geladenen Gästen trägt Rabbiner Dr. Chaim Rozwask die Thora in die Synagoge. Die größte Synagoge in Deutschland ist wieder eingeweiht. Jüdisches Leben ist wieder öffentlich sichtbar. Angekommen!

Ralf Bäcker, Jahrgang 1958, lebt in Lübbenau

4. Platz „Im Spiel versunken, hüpfen um den Davidstern“ Gesche-M. Cordes

Hamburg, Juli 2011 im Innenhof der Hamburger Synagoge. Ein Augenblick der Leichtigkeit. Ein Mädchen malt einen Davidstern mit Kreide auf das Pflaster des Innenhofs der Hamburger Synagoge. Das Mädchen hüpft mit einem Fußkreisel um den Davidstern. Es ist versunken in sein Spiel. Es war für mich ein berührender Moment, das alltägliche jüdische Leben in Hamburg zu zeigen.

Gesche-M. Cordes, Jahrgang 1947, lebt in Hamburg

4. Platz „Wir Jungen können vieles bewirken“ – Sabina Ermak

Das Foto wurde am 13. Oktober 2019 auf der Demo #KeinFussbreit Unter den Linden in Berlin aufgenommen. Wir, die JSUD Mitglieder, haben uns zur Demo verabredet, um uns gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auszusprechen. Mit einem Banner, Flaggen, Schildern uvm. sind wir als eine jüdische, junge Stimme aufgetreten. Das Foto drückt für mich jüdischen jungen Aktivismus aus! Wir scheuen uns nicht davor, unsere Meinung kundzugeben und für wichtige Themen zu kämpfen! Wir sind bereit für Veränderungen! Das Foto zeigt junge Erwachsene, Frauen*, Männer*, Queers, Studierende, Doktorand* innen, Berliner*innen, politisch Aktive – kurz die junge jüdische Vielfalt!

Sabina Ermak, Jahrgang 1995, lebt in Hannover/Berlin

4. Platz „L’Dor VaDor“ – Alisa Marhöfer

Das Foto zeigt meinen ältesten Sohn Leon anlässlich seiner Bar Mizwa (17. Oktober 2020) in der Mannheimer Synagoge. Betrachte ich das Bild, sehe ich nicht nur mit Stolz meinen Sohn, der nach jüdischem Glauben nun offiziell zu den Erwachsenen zählt. Ich sehe auch die tiefe Verbundenheit innerhalb meiner Familie und die gemeinsame Verwurzelung im jüdischen Glauben über die verschiedenen Generationen hinweg. Von meinen Großeltern und Eltern, zu meinen Schwestern und mir bis hin zu meinen Söhnen – L’Dor VaDor«– von Generation zu Generation leben wir die jüdische Tradition in ihrer Vielfalt, jeder auf seine ganz eigene Art und Weise, und sehen es als unsere Verantwortung, diese kontinuierlich weiterzugeben. Sehe ich Leon auf dem Bild, sehe ich einen stolzen jungen jüdischen Erwachsenen, der die jüdische Tradition verantwortungsbewusst und mit ganzem Herzen fortführen wird, und ich bin mit Dank erfüllt, dass wir trotz der Covid-19-Pandemie ein wunderschönes, unvergessliches Fest feiern konnten.

Alisa Marhöfer, Jahrgang 1983, lebt in Mannheim

4. Platz „Vincentino e.V. & Keshet e.V. – Jüdisches Leben in Berlin“ – Matthias Schellenberger

Das Foto ist im Rahmen des kulturellen Bildungsprojektes »Andere Lebenswelten kennenlernen – Fokus junges jüdisches Leben in Berlin« des Vereins Vincentino e.V. entstanden. Vincentino e.V. initiiert bereits seit 2008 Bildungsprojekte an Berliner Schulen unter dem Motto »Kultur stärkt Kinder in Berlin«. Das Foto erinnert an den schönen zweiten Tag der Projektwoche im August 2020 im Anton-Saefkow-Park in der Nähe der Bötzow-Grundschule – mit interessanten Gesprächen über queeres Leben und sehr aufmerksamen Schüler*innen. Auf dem Foto ist Leo Schapiro von der Initiative Keshet Deutschland e.V. zu sehen, der gerade mit den Schüler*innen über die Regenbogenflagge und den Davidstern spricht.

Matthias Schellenberger, Jahrgang 1963, lebt in Berlin

4. Platz „Einkauf in der Nachbarschaft“ – Yahya Yahyayev

Das Foto ist am 18. Dezember 2020 im Deniz Markt in Düsseldorf entstanden. Auf diesem ist der Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf Raphael Evers abgebildet. Ilja Kagan hat mich auf den Wettbewerb und die Rahmenbedingungen aufmerksam gemacht. Ich bin kein professioneller Fotograf so wie Herr Kagan, hatte jedoch instant eine schöne Idee, die ich unbedingt umsetzen wollte. Ich lebe in der Nachbarschaft der Jüdischen Gemeinde, in der auch Rav Evers wohnt, und gehe, wie viele andere auch, gerne im Deniz Markt der Nachbarschaft einkaufen. In Deutschland spielt es keine Rolle, an welchen Gott ein Mensch glaubt. Wir leben friedlich miteinander und genau diesen harmonievollen Alltag wollte ich aufzeigen. Es ist und muss eine Selbstverständlichkeit bleiben. Also bat ich Herrn Kagan, mir mit der Umsetzung des Fotos zu helfen. Wir haben Rav Evers beim Einkauf begleitet und dabei ist dieses Bild entstanden. Für mich steht das Foto für die Selbstverständlichkeit sich ausleben zu können und Teil einer integrierten Gesellschaft zu sein.

Yahya Yahyayev, Jahrgang 1990, lebt in Düsseldorf