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Lernort Zukunft: Machen statt machen lassen

Infolge einer besinnungslosen Ausrichtung an Wachstum und Technisierung hat die menschliche Zivilisation innerhalb nur weniger Jahrzehnte ihre Überlebensfähigkeit eingebüßt. Jetzt treibt uns eine immer dichtere Abfolge von Krisen vor sich her. Fortwährende Wohlstandssteigerung beruht darauf, jegliche Produktion in spezialisierte Einzelvorgänge zu zerlegen, zu automatisieren und geographisch dorthin zu verlagern, wo die betriebswirtschaftlichen Kosten minimal sind. Dies setzt ein weltweites und hochfrequentes Netz an Austauschbeziehungen voraus, sowohl den Waren-, als auch Personenverkehr betreffend. Wenn aber alles mit allem verbunden ist, sind wir auch noch so weit entfernten Störereignissen schutzlos ausgeliefert. Genau deshalb konnte eine chinesische Epidemie zur Pandemie reifen. Corona, der Klimawandel, das Artensterben, der instabile Finanzsektor, Ressourcenknappheit, ein unbändiger Flächenfraß, Flüchtlingsströme, Plastik- und Elektroschrottlawinen, das letzte Hochwasserdesaster etc. können als Mahnbrief verstanden werden. Offenbar müssen wir uns entscheiden: Spatz in der Hand oder Taube auf dem Dach.

Szenenwechsel... vom abstrakt globalen zum konkret lokalen. In Oldenburg entstehen ermutigende Reallabore für eine zukunftsbeständige Ökonomie, in der sich Menschen auch unter genügsameren Bedingungen zu helfen wissen. Dazu zählen kürzlich entstandene Genossenschaften wie Olegeno, Polygenos und das Globe ebenso, wie die Solidarische Landwirtschaft in Grummersort, das Food Sharing-Netzwerk oder und der Lastenfahrradverleih „Rädchen für alles“. Hervorheben möchte ich das jüngst aus der Repair Café-Bewegung hervor gegangene Ressourcenzentrum in der Ofener Straße am Westkreuz. Hier wird unser Wohlstandsmodell neu definiert. Anstelle wachsender Konsum- und folglich Produktionsmengen entsteht ein Reallabor für die Reparatur, Aufarbeitung und Veredelung der bereits existierenden Güter. An variablen Arbeitsstationen, die von Oldenburger Unternehmen und anderen Profis vorübergehend gemietet werden können, wird instandgesetzt und vor dem Abfall gerettet, was das Zeug hält. Zugleich wird ein Lernort mit Breitenwirkung entwickelt. Menschen aller Altersgruppen, ganz besonders natürlich junge Leute, sind eingeladen, in Workshops mit Praktikern vieles von dem einzuüben, was absehbar an (Über-) Lebenskunst notwendig ist. Erst wenn aus hilflosen Konsumenten souveräne Reparateure, also „Prosumenten“ werden, beginnt eine nachhaltige Entwicklung, die mehr als Symbolik ist.  

Mal angenommen, ich kann durch eigene oder im Ressourcenzentrum unterstützte Reparaturaktivitäten Jeans, Fahrräder, Computer, Drucker, Lampen, Kaffeemaschinen, Stereoanlagen, Möbel etc. durchschnittlich doppelt so lange nutzen und dort viele Gegenstände – etwa Werkzeuge, Lastenfahrräder, Gartengeräte, technische Geräte etc. – ausleihen, statt sie selbst kaufen zu müssen. Wie viel weniger Ressourcen, Abfälle und Gütertransporte fallen dann an?  Wieviel weniger arbeiten muss ich, um meinen Unterhalt zu finanzieren? Wie unabhängig werde ich dadurch von einer globalen Industrieversorgung, die weder ökologisch verträglich, noch krisensicher ist? Vor allem: Wenn der Einzelhandel, das Handwerk und andere innovative Firmen Oldenburg zu einer Reparaturstadt werden lassen, kann die lokale Wirtschaft der Internet-Konkurrenz trotzen, die unsere Innenstädte veröden lässt. Ganz anders als der Verkauf neuer Produkte lassen sich handwerklich basierte Reparaturleistungen nicht ins Digitale verlagern. Die Wirtschaft der Zukunft fängt vor der eigenen Haustür an.

apl. Prof. Dr. Niko Paech lehrt an der Universität Siegen,
Forschungsstelle Plurale Ökonomik