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Aktuelle Neuigkeiten unserer Volkshochschule.

Journalist Michael Kraske über alte und neue Gesichter des Antisemitismus in Deutschland

Wie sich antisemitische Ressentiments verkleiden

Journalist und Autor Michael Kraske arbeitet seit Jahren durch seine Veröffentlichungen daran, über erstarkenden Antisemitismus und Rechtsextremismus aufzuklären. Am 1. Dezember war Kraske zu Gast an unserer VHS und ging in seinem gut besuchten Vortrag „Antisemitismus in Deutschland - alte und neue Gesichter“ auf diese Entwicklung sowie den Zusammenhang mit den jüngsten Terroranschlägen der palästinensischen Hamas auf Israel ein.

Der Antisemitismus von Menschen arabischer und palästinensischer Herkunft, der sich seit dem Terroranschlag auf israelische Ortschaften weltweit und eben auch in Deutschland Bahn bricht, schafft eine akute Bedrohungslage für Jüdinnen/Juden. Zwischen dem 7. Oktober und 9. November wurden dem Bundesverband RIAS – Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus – ca. 1.000 antisemitische Vorfälle in Deutschland genannt. Dass Jüdinnen/Juden sich aber nicht erst seit diesem Herbst nicht mehr sicher fühlen, zeigt sich u. a. in den Berichten Kraskes über die Folgen des Terroranschlags auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019. Dabei wird deutlich, dass nicht nur die konkreten antisemitischen Vorfälle sind, die das Gefühl von Unsicherheit verstärken, sondern auch der Mangel an Solidarität der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland.

Michael Kraske wies in diesem Zusammenhang auf die im Herbst erschienene Studie „Die distanzierte Mitte“ hin, deren Untersuchungen ergaben, dass antisemitische, rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen an Raum gewönnen. Kraske fragt: „Ist Deutschland mittlerweile wieder ein Land, in dem Antisemitismus ‚okay‘ ist?“.

Die gesellschaftliche Ächtung des Antisemitismus scheint also zu bröckeln. Insbesondere von der AfD würde seit Jahren daran gearbeitet, Grenzen zu verschieben.

Antisemitische Äußerungen nutzen das Instruments der Andeutung, spielen mit Opfer-Täter-Umkehr, mit Relativierungen und entwickeln so ein Potential, die Alltagssprache zu beeinflussen. Die Gleichsetzung der Politik des israelischen Staates gegenüber den Palästinser*innen mit den Verbrechen Nazi-Deutschlands gehöre z. B. zu den Relativierungen, in die sich zeitgenössischer Antisemitismus kleidet. Kraske hob hervor, dass die Zunahme an antisemitischen Gewalttaten auch eine Folge von verbalen Attacken sei. Und das Narrativ des "importierten Antisemitismus"? Eine offensichtliche Schuldabwehr, die dennoch verfängt.

Michael Kraske diskutierte anschließend mit einem ausgesprochen aufmerksamen und interessierten Publikum weitere Aspekte und Fragestellungen, die von Anwesenden benannt worden waren: Welche Funktion erfüllt Antisemitismus heute – besonders in Deutschland? „Du Jude!“ – sei immer noch ein Schulhofschimpfwort – spezielle Lehrer*innenfortbildungen fehlten. Erinnerungskultur drohe zu einem leeren Ritual zu werden, wenn gesellschaftliche Institutionen sowie Akteur*innen in Staats- und Landesdienst nicht authentisch transportieren können, dass es in Deutschland eine Verantwortung für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden gibt.

 

Weiterführende Hinweise:

Die distanzierte Mitte. Autor*innen: Andreas Zick / Beate Küpper / Nico Mokros. Hg* Franziska Schröter, Friedrich Ebert Stiftung, Bonn 2023 (Print-Ausgabe vergriffen)

Antisemitismus – Alte Gefahr mit neuen Gesichtern. Autor: Michael Kraske, Arbeitspapier 58 der Otto-Brenner-Stiftung; Frankfurt/Main, Mai 2023 (Print-Ausgabe vergriffen)

Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e. V.

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Michael Kraske bei seinem Vortrag. Bild: VHS Oldenburg
Vortrag über Antisemitismus: Journalist Michael Kraske
Michael Kraske bei seinem Vortrag. Bild: VHS Oldenburg
Gut besuchte Veranstaltung im LzO Forum
27.02.24 08:01:12