Vom Spielraum des Glücks
Entgegen meiner Gewohnheit hatte ich mich im Bus ganz nach vorne gesetzt. Ich wollte mit niemandem ins Gespräch kommen, der Tag war zu anstrengend gewesen. Von meinem Platz aus konnte ich das Gespräch einer älteren Dame mit dem Busfahrer verfolgen. Sie sprach über ihren Weg von der Bushaltestelle nach Hause, ihre derzeitige Gehbehinderung und ihre schweren Einkäufe. Sie kenne eine Stelle, von der es für sie viel kürzer nach Hause sei. Vorsichtig fragte sie den Busfahrer, ob er ausnahmsweise an der Ecke vor ihrem Haus halten könne, um sie herauszulassen. Der Busfahrer schien die Frau zu kennen und erfüllte ihr die Bitte.
Ich war überrascht: Der Busfahrer ging damit kein geringes Risiko ein. Was, wenn sich andere Fahrgäste beschweren würden? Was, wenn andere Fahrgäste das Gleiche für sich einklagen würden? Natürlich hätte er dem nicht gerecht werden können. Ich freute mich: Was für eine ungewöhnliche Handlung. Was für ein Glück für die ältere Dame.
Glück happens – es passiert einfach; kommt unverhofft, mal mit voller Wucht und mal so unscheinbar, dass man es fast übersehen könnte.
Glück happens – wir führen es auch selbst herbei, mal mit Absicht, mal aus Versehen.
Der Soziologe Hartmut Rosa zeigt in „Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums“ an einigen Beispielen, dass sich der Charakter unseres Handelns stark geändert hat. Besonders im Berufsleben, aber auch in der Freizeit sind es zunehmend mehr Richtlinien, Formulare, Algorithmen und Apps, die Entscheidungen vorgeben. An die Stelle von „wahrnehmen, überlegen, (be)urteilen, handeln“ tritt „ausführen“. Das alleinige ausführen oder „vollziehen“, wie Rosa es nennt, führt auf Dauer zu Unzufriedenheit. Wenn das eigene Urteilsvermögen keine Rolle mehr spielt, kann auch kein Glück entstehen. In der geschilderten Situation, die sich in Süddeutschland zugetragen hat, hat der Busfahrer kraft eigenen Urteilsvermögens eine Gesamtsituation betrachtet, für einen kurzen Moment nicht Regel-konform gehandelt und damit jemandem Glück beschert. Sicherlich war er auch selbst zufriedener mit seinem Tun.
Hartmut Rosa geht es nicht darum, Bürokratie und Regeln abzuschaffen. Das wäre – so schlicht gedacht - viel zu gefährlich (denken wir z.B. an den Straßenverkehr). Er weist ausdrücklich auf die Vorzüge von Bürokratie und Regeln hin: sie sorgen für Verlässlichkeit, Gleichbehandlung und Transparenz und sind in einer demokratischen Gesellschaft an vielen Stellen unabdingbar.
Vielmehr geht es Rosa darum, uns auf den Preis aufmerksam zu machen, den wir für zunehmende Regulierung (analog oder digital) zahlen: wenn Ermessenspielräume verschwinden und die Urteilskraft im Alltag keine Verwendung mehr findet, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und eine nicht (heraus)geforderte Urteilskraft macht uns weder klüger noch zufriedener und ganz sicher nicht glücklich.
Wir haben also gute Gründe, über Regulierungen und ihre Funktion nachzudenken. Da ist z.B. die Frage, wann und warum wir uns Aufgaben von digitalen Tools abnehmen lassen. Wie häufig bestimmen bereits KI und Apps über die Umsetzung unserer ToDo´s? Wann entscheiden wir selbst und wann sind uns Entscheidungen „qua App“ aus der Hand - und aus dem Kopf - genommen?
Wann wird aus segensreicher Unterstützung eine „Vermeidung“, indem wir selbst darauf verzichten, unsere Urteilskraft zu bemühen? Gerade wenn es „ach-so-praktisch“ wird im Alltag, laufen wir Gefahr, auf Anstrengung und Kreativität zu verzichten. Die Nebenwirkungen dieses Verzichts sollten uns beschäftigen: Kreativität und Anstrengung sind häufig im Spiel, wenn wir Glück erleben!
Seit 2009 ist die Diplom-Sozialpädagogin Melanie Blinzler Geschäftsführerin des Präventionsrat Oldenburg (PRO). Der Präventionsrat Oldenburg (PRO) fördert und stärkt das berufliche und bürgerschaftliche Engagement zur Gewalt- und Kriminalitätsprävention. Er koordiniert fachliche Kompetenzen und ehrenamtliches Engagement der Bürger*innen. Der PRO ist politisch, weltanschaulich und konfessionell neutral und unabhängig. Der PRO und die VHS Oldenburg arbeiten regelmäßig in Kooperationsreihen zusammen. Wie zuletzt bei der Kampagne „Oldenburg ist #sOLidarischimNetz“ oder aktuell bei der Kampagne → „Zivilcourage“.
